Sebastian Steineke.   Ihr Bundestagsabgeordneter für Nordwest-Brandenburg
04.05.2014, 20:34 Uhr | MAZ - Kyritzer Tageblatt 2.5.2014 / Christian Schmettow

Wissen aus Rheinsberg nach dem Atomausstieg überall gefragt
Die Kernkraftwerker entsorgen für 600 Millionen Euro ihr Lebenswerk. Sie eignen sich dabei Know how an, auf das andere bald zurückgreifen werden

Rheinsberg – Das Treppenhaus ist eine Wucht! Seinetwegen steht das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Kernkraftwerks Rheinsberg heute unter Denkmalschutz. Rheinsberg ringt derweil weiter um eine Nachnutzung des Kernkraftwerksgeländes mitten im Naturschutzgebiet zwischen Nehmitz- und Stechlinsee. „Natürlich kann das nur naturverträglich sein“, sagt Michael Schönherr von den Energiewerken Nord (EWN). „Es ist klar, dass wir hier keine Aluminiumhütte herholen können“, sagt der Leiter der Rheinsberger Anlage. Ideal wäre etwas Experimentelles – vielleicht zur Speichertechnologie? Eine Forschungsstätte für erneuerbare Energien im ehemaligen Atomkraftwerk – eine Idee, die für den Kernkraftwerker Charme hat. Geforscht wurde schließlich schon immer im Kernkraftwerk Rheinsberg. Es gab sogar einen Simulator, an dem der Umgang mit Störfällen trainiert wurde. Auszubildende kamen aus der DDR, aus den osteuropäischen Nachbarstaaten und sogar aus Kuba – obwohl dort nie ein Atomkraftwerk gebaut wurde.
Für Erich Kuhne, Kreistagsabgeordneter der CDU und ehemaliger Kernkraftwerks-Ingenieur, stellen sich manche Fragen deshalb nicht – etwa die, ob das KKW unterm Strich überhaupt mehr Energie erzeugt als verbraucht hat. 24 Jahre ist das erste Kernkraftwerk der DDR gelaufen und hat in dieser Zeit 8127 Gigawattstunden Strom erzeugt. „Damit hat es eine Stadt von der Größe Potsdams über mehr als 20 Jahre mit Energie versorgt“, rechnet Michael Schönherr vor. Dem gegenüber steht der Energieverbrauch für den Bau des Kraftwerks, Abbau und Transport des Urans, den Transport der bis zu 600 Arbeiter an ihren Arbeitsplatz und den mehr als 20 Jahre währenden Rückbau der Anlage.Rund 600 Millionen Euro wird der Abbau den Steuerzahler am Ende gekostet haben. Zusammen mit der EWN-Anlage in Lubmin bei Greifswald rechnet Schönherr mit 4,2 Milliarden Euro – fast ein Großflughafen. Weil nicht abzusehen ist, wann es in Deutschland ein Endlager für Atommüll gibt, könnte es auch noch teurer werden. Angesichts dessen, was in Rheinsberg geleistet wird, erscheinen die 600 Millionen Euro immer noch günstig, findet der Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke (CDU), der das Kernkraftwerk am Mittwoch besuchte. Für den Abbau des Reaktors, der Forschungsbrennstäbe, des geplanten Endlagers für flüssige und feste radioaktive Abfälle, gibt es nichts von der Stange zu kaufen. Zusammen mit Firmen entwickelten die Kraftwerksingenieure neue Techniken und maßgeschneiderte Behälter für das Zerlegen, den Abtransport und die Zwischenlagerung strahlender Kraftwerksteile – für die EWN und ihre Techniker eine große Chance: Die in Rheinsberg entwickelten Methoden kann das bundeseigene Unternehmen anderen Betreibern nuklearer Anlagen verkaufen. Die Rheinsberger sind an der Entsorgung abgewrackter Atom- U-Boote in Murmansk ebenso beteiligt wie am Rückbau des Atomkraftwerks Obrigheim in Baden Württemberg und des Forschungsreaktors in Jülich (Nordrhein- Westfalen). Nach dem Atomausstieg wird das Wissen aus Rheinsberg bundesweit gefragt sein. Für das umzäunte Kraftwerksgelände am Nehmitzsee ist die Zukunft weiter ungewiss. Die ehemalige Schaltzentrale ist eine Attraktion, die Reaktorhalle auch leer noch beeindruckend. Für eine touristische Nutzung sieht Michael Schönherr dennoch keine Chance. Zu abgelegen sind die Gebäude, zu teuer der Unterhalt. Die Techniker arbeiten weiter an der Entsorgung ihres Lebenswerks.