Sebastian Steineke.   Ihr Bundestagsabgeordneter für Nordwest-Brandenburg
15.04.2014, 11:04 Uhr | MAZ - Ruppiner Tageblatt 15.4.2014 / Celina Aniol

Angst vor Dammbrüchen
Während das Land noch überlegt, ob die Fehrbelliner Wasserstraße rekonstruiert werden soll, drängt die Region darauf

Linum – Der Damm ist gebrochen. Das Obere Rhinluch liegt unter Wasser, die angrenzenden Bereiche haben keins. Störche und Kraniche meiden das Gebiet. Das zarte Pflänzchen Tourismus in der Region geht ein. Landwirte können die zu feuchten oder zu trockenen Flächen nicht mehr bewirtschaften und geben auf. Die Kulturlandschaft, die es seit Jahrhunderten gab, ist hin. Ein Schreckensszenario – allerdings ein konkretes. „So ein Dammbruch kann sich jeden Tag ereignen“, sagt Jens Winter. Der Vorstand des Fehrbelliner Wasser- und Bodenverbands und Geschäftsführer der Hakenberger Fleisch klingt beim Ausmalen der Katastrophe ganz ruhig – auch wenn er wirklich Angst hat um die Region, in der er arbeitet und lebt. Denn die Kanalseitendämme der Fehrbelliner Wasserstraße sind in einem sehr schlechten Zustand. Und es ist unklar, ob das Land, das diese eigentlich rekonstruieren wollte, es tatsächlich tun wird. Die ursprünglichen Pläne, nach denen für die Arbeiten bis zu 50 Millionen Euro fließen sollten, sind vorerst begraben – und die Region bangt nun um die Wiederaufnahme des Projekts. Der Grund dafür, warum das Land seine Haltung ändert, ist offiziell die Anpassung der alten Pläne an neue Gesetze. Unter der Hand heißt es, Potsdam will in Zeiten leerer Kassen kein Geld für das große Vorhaben ausgeben. Immerhin ließ das Umweltministerium nun den Wasserverband untersuchen, welche Spielräume es bei der Rekonstruktion gibt. In der vergangenen Woche hat der Verband das Papier mit den Varianten, die sich laut Winter zwischen „Totalrekonstruktion und Totalüberflutung“ bewegen, nach Potsdam geschickt. Welchen Weg das Land gehen wird, ist völlig offen – und hängt allein davon ab, ob und wie viel Geld die Landespolitiker für das Projekt freigeben. Indes wirkt sich der desaströse Zustand der Dämme jetzt schon aus. „Wir haben den Wasserstand um 20 Zentimeter abgesenkt, um die Havariegefahr zu reduzieren“, sagt Stefan Blechschmidt vom Wasserreferat des Umweltlandesamts. Durch die Absenkung ist der Druck auf Dämme kleiner und die Bruchwahrscheinlichkeit geringer geworden. Allerdings hat das auch negative Folgen. So leidet die Region dadurch unter Wassermangel. „Damit ist die Fischproduktion in den Linumer Teichen infrage gestellt“, sagt der Linumer Teichwirt Andreas Voyé.
Zudem ist die erlaubte Tauchtiefe für Boote gesunken. „Wenn es so weiter geht, werden hier keine Boote mehr durchfahren können. Damit wäre die Region vom Wassertourismus abgekoppelt“, so Winter. „Und auch der Verband bekommt Schwierigkeiten.“ Denn viele Kanäle kann er nur mit Bootstechnik erreichen. „Wenn der Wasserstand noch niedriger ist, dann hängen auch wir mit der Schraube im Sumpf – und können bei einer Havarie nicht mehr ausrücken.“ Voyé wie Winter befürchten außerdem, dass das Land die Fehrbelliner Wasserstraße herabstufen und damit die Pflege auf die Kommunen übertragen könnte, die sich diese nicht leisten können. „Das hat niemand vor“, wehrt der Landesbedienstete Blechschmidt ab. Die Frage, ob der Wasserstand weiter gesenkt wird, lässt er allerdings offen. „Wir müssen jetzt alle Varianten durchdenken, überlegen, was für die Region sinnvoll ist – und die Gesellschaft und damit die Politiker müssen entscheiden, wofür sie Geld ausgeben wollen.“ Die Verantwortlichen vor Ort halten indes an der Großvariante der Rekonstruktion fest. „Die Landesregierung darf nicht das Erbe der vergangenen 300 Jahre mit dem Hinweis ,wir haben kein Geld für nichts’ verschleudern“, sagt Vizelandrat Werner Nüse. Er hofft, dass sich die Politiker nach der Landtagswahl wieder auf den Erhalt von Kulturlandschaften besinnen. Auch der Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke (CDU) hat klare Worte für die Situation. „Ohne eine vollständige Rekonstruktion würde man mittelfristig eines der größten Naturschutzgebiete für Störche und Kraniche in Mitteleuropa zerstören und den Ausbau der Fehrbelliner Region zum Stillstand bringen“, sagt er. „Ich fordere die Landesregierung auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.“ Jens Winter, für den das Überflutungsszenario die Quasi-Enteignung der Landnutzer bedeutet, glaubt, dass Potsdam am Ende doch handeln und das Geld in vielleicht Zwei-Millionen-Euro-Scheiben in die Region pumpen wird. „Alles andere wäre Wahnsinn, das kann niemand wollen“, sagt er. „Damit aber etwas passiert, müssen wir auf die Politik drängen – und darauf, dass wir uns touristisch besser vermarkten. Dann fällt es dem Land nicht mehr so leicht, die Region abzuschreiben.“