Sebastian Steineke.   Ihr Bundestagsabgeordneter für Nordwest-Brandenburg
03.11.2016, 12:14 Uhr | Ruppiner Anzeiger 3.11.2016 / Daniel Dzienian

Neuen Zug gleich ordentlich getestet
Triebwagen für Prignitz-Express künftig mit deutlich mehr Komfort, aber nur bedingt mehr Barrierefreiheit

Neuruppin/Berlin (RA) Für zahlreiche Bahnmitarbeiter war es ein großer Tag: Am Mittwoch hat das Land Brandenburg 55 Züge vom Typ Coradia Lint 41 für die Dauer von zwölf Jahren nun auch per Unterschrift auf dem Vertrag bestellt.
Bahn und Landesregierung tragen damit der wachsenden Fahrgastzahl auf der Strecke in den Nordwesten Brandenburgs Rechnung. Die neuen Züge sind etwas länger und geräumiger. Eine Sonderfahrt mit vielen Bahnmitarbeitern
und Politikern von Berlin Zoologischer Garten über Potsdam bis zum Rheinsberger Tor gipfelte in der Präsentation des neuen Zugtyps. Der erste Eindruck und die Verbesserungen: Die Züge sind nicht neu, sondern fuhren vorher schon im Regionalverkehr in Nordrhein-Westfalen. Alle wurden aber aufgearbeitet und neu designt. Sie wirken wie neu. Andrea Hönicke aus Wittstock pendelt fast jeden Tag von Wittstock nach Neuruppin. „Mir gefällt der
Zug und auch die Tatsache, dass jetzt mehr Platz ist.“ Vor allem zu den Stoßzeiten sei die Bahn meist sehr voll. Wenn Schüler oder Seniorengruppen kämen, müsse man schon mal stehen. Auch die ständige Anwesenheit eines Zugbegleiters sei positiv. „Vor allem ältere Reisende werden sich sicherer fühlen“, so die Wittstockerin. 
Sind die neuen Züge wirklich besser in Sachen Barrierefreiheit? Die Bahn wirbt mit einer verbesserten Barrierefreiheit. Die Toiletten sollen geräumiger sein.
Zudem gibt es zwei zusätzliche Stellplätze für Rollifahrer. Christian Pees vom Arbeitskreis barrierefreies Neuruppin nahm das Wort Testfahrt wörtlich. Das Positive zuerst: „Es stimmt, die Toilette ist wirklich geräumiger. Man kann mit einem Elektro-Rollstuhl darin wenden.“ Zudem befinden sich neben dem WC zwei spezielle Rollstuhl-Stellplätze. Diese sind mit Sitzen für Begleiter ausgestattet. In den alten Zügen musste in die Bereiche ausgewichen werden, wo Fahrräder und Kinderwagen stehen. „Mit denen kam man manchmal ins Gehege“, so Pees. Damit hat es sich mit seinem Lob. Denn der neue Triebwagen hat einen viel größeren Abstand zur Bahnsteigkante als der alte.
Jetzt sind es fast 35 Zentimeter, wie Peers mit seinem Zollstock abgemessen hat. Vorher war der Abstand nur zehn Zentimeter groß. „Das heißt, man konnte die Lücke mit einem guten Rollstuhl ohne Hilfe oder Rampe überwinden. Jetzt brauche ich immer die Rampe“, meint Pees. Diese wird in einem Fach neben der Tür mit dem Rollstuhl-Fahrer-Symbol aufbewahrt. Der Zugbegleiter muss sie herausnehmen, aufklappen und hinlegen. „Da wir in Zukunft zu 100 Prozent mit Begleitern ausgestattet sind, ist das aber kein Problem“, so Bahnsprecher
Holger Auferkamp. Der Leiter des Betriebsmanagement für Kundenbetreuung im Nahverkehr, Thomas Stahlberg, betonte, dass Behinderte jederzeit ohne
Voranmeldung zusteigen können. Dass die Rampe von Beobachtern als etwas unpraktisch bezeichnet wurde, weil niemand neben dem Rollstuhlfahrer entlang
kommt – sie ist sehr schmal und hat einer hohe Außenkante – sieht Auferkamp nicht als Problem. „Ich kenne das so, dass man sich geduldet und den Rollstuhlfahrer aussteigen lässt“, so der Sprecher. Die übrigen Einstiegsbereiche haben zudem abgesenkte Stufen in dem Zwischenraum. So kann nichts durchfallen. Was macht die in Neuruppin so dringend gewünschte schnellere Anbindung des RE 6 ans Berliner Zentrum? Wer aus Ostprignitz-Ruppin schnell zum Berliner Hauptbahnhof will, muss immer noch in
Hennigsdorf in die langsamere S-Bahn steigen. Die Länder Berlin und Brandenburg sind sich eigentlich einig, das ändern zu wollen. Eine Machbarkeitsstudie aus 2012 gibt es, die sagt, welche Abschnitte ausgebaut werden müssten. Danach könnten zehn bis 15 Minuten Zeit gespart werden.
Darauf angesprochen sagte Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD): „Bis Jahresende laufen Korridoruntersuchungen.“ Wenn
Brandenburg 2017 seinen Landesverkehrswegeplan aufstellt, könne vielleicht ein Zeitplan genannt werden. Nach RA-Informationen ist etwa noch unklar, ob die gewünschte S-Bahn-Anbindung für Velten und der Ausbau der RE-6-Strecke gleichzeitig möglich sind. „Wir prüfen, ob es gewisse Kannibalisierungseffekte gibt“, so die Ministerin. Man sei „in guten Gesprächen“, blieb Ostprignitz-Ruppins Landrat Ralf Reinhardt (SPD) vage. Der oberste Verwaltungsbeamte der Region hatte während der Zugfahrt von Berlin viel Zeit für ungestörte Gespräche mit der Ministerin, mit VBB-Chefin Susanne Henckel und dem Vorsitzenden der DB Regio Nordost, Jürgen Trettin.
Skurriles am Rande: Landrat Reinhardt und der Neuruppiner CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke waren am Morgen mit dem Zug nach Berlin gefahren, um an der fest terminierten Jungfernfahrt teilzunehmen.
Doch die Bahn in Neuruppin hatte 15 Minuten Verspätung. Ansagen oder Anzeigen gab es nicht. Bei dem Termin hatten sie die richtigen Ansprechpartner für ihre Beschwerden.