Ehrenamtler muss einem als Dank oftmals ein feuchter Händedruck genügen. Im besten Fall gibt‘s noch einen Blumenstrauß dazu. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke hatte am Donnerstag Ehrenamtler aus dem Kreis zu einem Forum eingeladen und wollte wissen:
Wo liegen eigentlich die Probleme? „Wer will schon in einem Land leben, in dem sich die Menschen nur einbringen, wenn sie auch dafür bezahlt werden?“, fragte sein Parteikollege, der Landtagsabgeordnete Jan Redmann. 43 Prozent der Deutschen arbeiten zum Glück in ihrer Freizeit
weitgehend selbstlos in Ehrenämtern. Die ostdeutschen Länder liegen etwas dahinter. Doch nicht nur bei der Feuerwehr gibt es Nachwuchssorgen. Darüber hinaus steht oft die Bürokratie im Weg. Und auch Anreize greifen
nicht immer – wie zum Beispiel die extra entwickelte Ehrenamtskarte des Landes Brandenburg (siehe Kasten). Gabi Lettow, füllt seit 16 Jahren
zusammen mit dem Förderverein die Siechenhauskapelle mit Kultur und organisiert seit 2010 das Aequinox-Festival für alte Musik: „Bei uns geht es immer nur um die Finanzen“, sagte sie. Das Festival koste jährlich rund 60 000 Euro. Doch Fördermittel gibt es selten. „Die Fristen und Zeiträume passen oft nicht. Unser Festival ist im März. Ich habe mehrfach gehört, wir sollten es doch verlegen“, berichtete sie. Häufig seien Fördergeber so früh im Jahr nicht in der Lage, Zusagen zu treffen. Vorfristig planen gehe aber auch nicht. Das Geld muss bei den meisten Programmen bis Jahresende ausgegeben sein. Manchmal können Vergütungen für Musiker erst Monate später fließen. „Das ist jedes Mal ein enormes Risiko“, so Gabi Lettow. „Ich höre oft ,Warum machst du das überhaupt?‘“ Karin Syring vom Kreissportbund und Abteilungsleiterin für Aerobic beim Rheinsberger
Sportverein: „Wir wollen Qualität bieten und brauchen deshalb lizensierte Übungsleiter“, erklärte sie. Damit gemeint sind Trainer. An denen fehlt es. Für
den Grundlehrgang sind aber schnell mal 20 Stunden Ausbildung nötig. Manche Arbeitgeber bewilligen dafür Bildungsurlaub. Dann ließe sich ein Kurs schnell mal in einer Woche absolvieren. Doch die Regel ist das nicht. Außerdem: „Wir alten Ehrenamtler, die das seit Jahren machen, sind nicht das Problem“, so Karin Syring. „Wir brauchen aber junge Leute.“ Zwar gebe es theoretisch eine Steuererleichterung von 2 400 Euro pro Jahr für Übungsleiter. „Doch kein Verein in OPR kann 200 Euro pro Monat zahlen.“
Oft bleibt es bei einer winzigen Aufwandsentschädigung. Fördermittel gebe es zwar: „Man muss sich aber sehr auskennen.“
Sven Scheer, Stadtbrandmeister in Wittstock: „Wir verlieren mehr Kameraden als wir neue dazugewinnen“, so Scheer. Der Grund: der Bevölkerungsrückgang. 250 ehrenamtliche Brandbekämpfer hat die Stadt,
flächenmäßig eine der größten Kommunen Deutschlands. „Doch zwischen 6 und 18 Uhr sind nur 50 vor Ort und einsatzfähig.“ Bei der Feuerwehr geht es schnell um Leib und Leben, so Scheer. Um gegenzusteuern, dürfen junge Wittstocker bereits ab sechs Jahren zur Kinderfeuerwehr. Auch in Neuruppin wird gerade ein ähnlicher Versuch gestartet. Wartet man länger, sind die Knipse häufig schon in anderen Vereinen organisiert, so die Erfahrung.
Herbert Brand, Mitbegründer der OPR-Außenstelle des Weißen Rings – der Opfern von Kriminalität hilft – und seit Jahrzehnten ehrenamtlich tätig: „Wir sind elf Mitarbeiter im Kreis. Es gibt zwar überall Tierschutzbeauftragte, aber in den Polizeidirektionen keine Opferschutzbeauftragten“, erklärte er. „Meinen Vorschlag in jeder Direktion einen zu ernennen, hat der Innenminister schon mehrmals vom Tisch gewischt.“ Auch Trauma-Ambulanzen und Psychotherapeuten gibt es zu wenige. „Wir haben recherchiert. Ein Vergewaltigungsopfer müsste zwischen sechs und 18 Monate Wartezeit in Kauf nehmen“, berichtete Brand. Das größte Problem
des 74-Jährigen ist aber, einen Nachfolger für sich zu finden. Er ist nach eigener Auskunft bereits mit Bernd Halle, dem aktuellen Leiter der Polizeidirektion Nord, im Gespräch. Fazit: Den Ehrenamtlern kann gar nicht genug für ihre Arbeit gedankt werden. Sie erledigen sie meistens gerne. Ein Lohn außerhalb von Anerkennung, so Steineke, widerspräche auch der Sache. Junge Leute seien am besten für überschaubare Projekte zu gewinnen. Sie fürchteten sich häufig vor jahrelangen Verpflichtungen, so lautete eine Erkenntnis. Die Politik könne allerdings Bürokratie-Hindernisse minimieren. Die CDU ist im Brandenburgischen Landtag aktuell in der Opposition.