Neuruppin – Immer neue Details zum Ausmaß des Hackerangriffs auf den Deutschen Bundestag kommen dieser Tage ans Licht. Laut dem Wochenmagazin „Der Spiegel“ konnten die digitalen Räuber 16 Gigabyte an Daten aus dem Parlamentsnetzwerk „Parlakom“ stehlen. Gestern wurde bekannt, dass die Angreifer vermutlich schon viel länger Informationen
absaugen als bislang angenommen. Welche Auswirkungen hat die Bloßstellung eines der sensibelsten Netzwerke des Landes auf die tägliche Arbeit der hiesigen Abgeordneten? Wie kann das Vertrauen in die Technik zurückkehren? Kirsten Tackmann (Die Linke) und ihre Mitarbeiter haben nach eigenen Angaben seit der Attacke mit langsamerem Internet zu
kämpfen. „Recherchearbeiten, die Terminkoordination und die Beantwortung der elektronischen Post dauern bis zu drei Mal so lange“, sagt Tackmann. Zugenommen habe zudem das Aufkommen an Spam-Mails. Sebastian Steineke, CDU-Abgeordneter, ist hingegen in der Nutzung des Netzes bislang nicht eingeschränkt worden, wie er sagt. Zugleich macht sich der 52-Jährige so seine Gedanken über den Vorfall: „Man denkt schon darüber
nach, an welche Informationen der Angreifer gekommen ist.“ Besonders sensible Daten bekomme er immer noch „in einer riesigen Postkiste“, sagt Steineke, beispielsweise zum Richterwahlausschuss, der über die Besetzung der Richterposten an den obersten Gerichtshöfen des Bundes entscheidet. Insgesamt nehme die herkömmliche Post jedoch ab. Gerade
auch viele Bürgeranfragen kämen per Mail. Wenn Steineke darauf antworte und der Empfänger nicht über entsprechende Verschlüsselungstechnik
verfüge, sei die Mail einsehbar wie eine Postkarte. „Vertrauliche Sachen bespricht man schon mal unter vier Augen“, so Steineke. Auch Tackmann denkt „plötzlich mehr über eventuell Mitlesende nach“, wie sie sagt. „Manchmal ertappt man sich dabei, dass man darüber nachdenkt, dies oder
jenes wirklich per E-Mail zu schreiben“. Letztlich seien die Abgeordneten
jedoch so auf die Technik angewiesen, „dass wir kaum etwas ändern können.“ Immerhin: Alle externen Passwörter hätten sie und ihre Mitarbeiter vorsorglich geändert, so Tackmann.
Zwar sollen seit einigen Wochen keine Daten mehr abgeflossen sein, doch wirkliche Gewissheit über die Sicherheit des Parlakom-Netzes gibt es nicht. „Man fischt so ein bisschen im Trüben“, bilanziert Steineke. Die IT des Parlaments stehe ohnehin vor großen Herausforderungen. Jeder Wahlkreisrechner könne an das Netzwerk angeschlossen sein, „von
Rottach-Egern hoch bis nach Mecklenburg“, wie Steineke erklärt. Höhere Sicherheitsstandards gingen zulasten der Nutzerfreundlichkeit. Schon jetzt sei diese für die Parlamentarier in Teilen eingeschränkt. So müssen die
Abgeordneten in regelmäßigen Abständen ihre Passwörter ändern, über WLAN verfügt das höchste Haus des Staates nicht. Von den Cyber-Attacken auf den Bundestag gibt es laut Dagmar Ziegler (SPD) pro Tag hunderte.
„Dies aber war ein hochprofessioneller Angriff“, sagt Ziegler. Deshalb sei es wichtig, die Empfehlung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) abzuwarten und dann im Herbst im Parlament Entscheidungen dazu zu treffen. Für eine bessere Verteidigung sei es
notwendig, „ein richtig großes Sicherheitsnetz zu etablieren“, so Ziegler. „Das kostet richtig viel Geld und Personal.“ Auch Tackmann will auf die Expertise
nicht dazu führen dürfe, „dass der Verfassungsschutz nun unsere E-Mails überwacht, damit kein Dritter mitliest.“ Alle drei Parlamentarier sind übrigens
der Auffassung, dass die Grundsätze für sicheres Surfen im Bundestag dieselben sind wie für Privatleute. „Regelmäßig Passwörter ändern, unbekannte E-Mails sofort löschen, keine von Unbekannten geschickten Links öffnen und regelmäßig die Virenabwehr aktualisieren, mehr kann kaum gemacht werden“, fasst Kirsten Tackmann die Herausforderungen zusammen.