Neuruppin (RA) Bunt, vielfältig und weltoffen: So sollte sich Neuruppin am Sonnabend auf dem Schulplatz präsentieren – bei der zentralen Gegenveranstaltung zum parallel stattfindenden Neonazi-Aufmarsch. Das zehnstündige Bühnenprogramm wurde seinem Anspruch gerecht. „Ich bin heute ganz besonders stolz auf Neuruppin“, bekannte etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke beim Anblick des gut gefüllten Platzes. Da war gerade der am Rheinsberger Tor gestartete Demonstrationszug des Aktionsbündnisses „Neuruppin bleibt bunt“ mit
mehreren hundert Teilnehmern angekommen. Etwa 1 000 Menschen
sammelten sich zu diesem Zeitpunkt im Zentrum, um Punkt zwölf Uhr mit Kirchenglocken und Feuerwehr-Sirenen Krach gegen den Neonazi-Aufmarsch zu machen und hunderte bunte Luftballons als weithin
sichtbares Zeichen der Vielfalt in den Himmel steigen zu lassen. Das war nur einer von zahlreichen Programmpunkten. Unterbrochen von Videoeinspielungen – etwa von der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen)– wechselten sich Redebeiträge mit verschiedensten musikalischen Darbietungen ab. Viel Applaus erntete Storch Heinar. Die satirische Kunstfigur, die ihren Namen dem in rechten Kreisen beliebten Modelabel „Thor Steinar“ entlehnt hat, setzte dem Aufzug der Neonazis musikalischen Humor entgegen. Und das gelang mit Liedern
wie „Schwarz-braun ist die Haselnuss“. Von vielen Besuchern herbeigesehnt
war auch der Auftritt der Rainbirds mit Frontfrau Katharina Franck. Der Auftritt fiel mit der heißen Phase der Blockaden zusammen, weshalb sich der Schulplatz da schon sichtbar geleert hatte. Dennoch jubelte noch eine dreistellige Zahl an Zuschauern den Musikern zu. Ergänzt wurde das Programm von vielfältigen Spielmöglichkeiten für Kinder, einem Toleranz-
Fußballturnier und diversen Infoständen.
Aufgerufen zu den Gegenveranstaltungen hatte ein breites Bündnis von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und weiteren Organisationen. Was vor wenigen Jahren kaum denkbar war: Neben Künstlern und zahlreichen
Politikern aus dem linken Spektrum hatte auch die CDU für die Teilnahme an den Gegenveranstaltungen mobilisiert. Der Landesvorsitzende Ingo
Senftleben stellte sich im Vorfeld nicht nur für eine Videobotschaft zur Verfügung, sondern kam eigens nach Neuruppin, um sich ein eigenes Bild zu machen. Von der Stadt gehe „ein tolles Signal“ aus, attestierte er. Es sei
wichtig, das Brandenburg sich gegen die braune Hetze gestellt habe“, so Senftleben. Viele lobende Worte fand auch Brandenburgs Justizminister
Helmuth Markov (Die Linke). Besonders hob er das Verhalten der
eingesetzten Polizeikräfte hervor. Dass diese nicht mit Helm und Schlagstock Stellung bezogen hätten, sei ein wichtiger Beitrag zur Deeskalation. Ein Kessel wie im September 2011, als hunderte Gegendemonstranten aus dem bürgerlichen Lager über Stunden festsaßen, „darf nie wieder passieren“, betonte Markov. Gerrit Große, Spitzenvertreterin der Linken im Landtag, hob
das vielfältige Programm hervor und würdigte besonders die privaten Initiativen, so etwa die bunt plakatierten Straßenzüge. Präsent auf dem Schulplatz war auch der Tourismusverband Ruppiner Seenland. Dessen
Geschäftsführer Peter Krause war es ein echtes Anliegen, ein Zeichen zu setzen. Es gehe weniger darum, Prospekte zu verteilen, sondern darum, Position zu beziehen. „Wie will man von Gastfreundschaft leben, wenn man selektiert?“ fragte er an die Adresse der Rechtsextremen. Krause äußerte sich auch zu der Kritik an der deutschen Asylpolitik. Gerade der Tourismus
biete Zuwanderern niedrigschwellige Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Daher wünsche er sich von der Politik einen weiteren Demokratieabbau, um dies zu beschleunigen. Lob erntete am Ende des Tages auch der Neuruppiner Bauhof. Noch während die letzten Konzerte auf dem Schulplatz liefen, bauten dessen Mitarbeiter bereits die Schilder ab, die seit dem Morgen weitreichende Halteverbote in der Stadt durchsetzten. Damit zog wieder ein Stück Normalität ein. Zeitgleich verschwanden auch die Absperrungen der Polizei, die die Bewegungsfreiheit in der Stadt den ganzen Tag über eingeschränkt hatten – so auch für Pflegedienst-Mitarbeiter, die ihre Betreuten zu Fuß besuchen mussten. Auch unbeteiligte Hotelgäste blieben vereinzelt stecken. Im Nachgang bat Polizeisprecher Toralf Reinhardt um Verständnis für die Behinderungen. Nur so sei es möglich gewesen, die einzelnen Lager
auseinanderzuhalten.