Neuruppin (RA) Seit 2012 gibt es in Neuruppin den Anschlusszwang an das Fernwärmenetz der Stadtwerke. Das gilt natürlich auch für Betriebe. Nicht jedes Unternehmen ist von den Vorteilen überzeugt. Einige sagen, der Anschluss kostet sie mehr, als würden sie sich selbst mit Gas oder Öl versorgen. Eine funktionierende Heizungsanlage, die mit Öl oder Gas
läuft, genießt Bestandsschutz. Wer umrüstet oder erneuert, dabei aber nicht komplett auf alternative Energien umstellt, der ist zum Anschluss verpflichtet.
Das verlangt die Neuruppiner Fernwärmesatzung. Beschlossen hat sie das Stadtparlament. Die Feuerlöschgeräte Neuruppin Vertriebs GmbH liegt im Treskower Gewerbegebiet. Bei den Stadtwerken heißt das Fernwärmevorranggebiet 1. Ans Netz angeschlossen sind dort mittlerweile 75 Prozent der Unternehmen. Einige, wie etwa der Mülltonnen-Produzent ESE braucht gar keine Heizung. Dort wird bei der Kunststoffverarbeitung so viel Wärme erzeugt, dass sich die Büroräume mitversorgen lassen. Feuerlösch-Werkleiter Heiner Armbrüster hatte kürzlich den CDU-Bundestagsabgeordneten Sebastian Steineke zu Gast, der auch Stadtverordneter in Neuruppin ist. Dort machte er klar, der Anschluss wäre ihm zu teuer.
Das Angebot, das Feuerlösch von den Stadtwerken bekam, sah laut Armbrüster rund 26 000 Euro für die jährliche Anschlussleistung vor – die Energiekosten noch nicht mitgerechnet. Das ist der sogenannte
Fernwärmepreis. Ihn muss jeder zahlen, der eine höhere Anschlussleistung
als 30 Kilowatt bestellt. Wenn er dann noch einmal rund 50 000 Euro für den
Anschluss und eine neue Heizungsanlage investieren muss, sei das zu viel. Die Gespräche mit den Stadtwerken seien zwar kooperativ verlaufen, so Armbrüster. Auch kann sein Betrieb ohnehin nicht komplett auf Fernwärme
umsteigen, da für die Lackier- und Beschichtungsanlagen ein höheres Wärmeniveau nötig ist. Das geht nur mit Gas. Will Feuerlösch aber seine Heizungsanlage verändern, braucht er die Genehmigung der Stadt. „Ziel
sollte es sein, die fixen Jahresleitungskosten zu reduzieren“, so Armbrüster, „um so den Industrieunternehmen, die zu 100 Prozent umstellen, auch einen gewissen Anreiz zu bieten.“ Automationssysteme Leske (ASL) ist so ein Betrieb, der zwangsanschließen musste. ASL rechnet mit rund 10 000 Euro Mehrkosten im Jahr. Die Firma ließ eine Werkshalle in der Valentin-Rose-Straße erneuern und mit einer Heizung ausstatten. Geschäftsführer
Andreas Leske sieht in dem Anschlusszwang einen Standortnachteil für mittelständische Unternehmen. Um das zu erklären, wird es etwas technisch: ASL kommt auf einen Verbrauch von rund 100 000 Kilowattstunden im Jahr.
Bei Gas beliefen sich die Kosten auf zirka 4 000 Euro. Der Grundpreis und Betriebskosten für die Heizung beliefen sich vielleicht noch einmal auf eine vierstellige Summe. Beim Zwangsanschluss zahlt die Firma rund 6 000 Euro für 100 000 Kilowattstunden. Dazu musste für 8 600 Euro eine Fernwärmestation eingebaut werden, die im Besitz der Stadtwerke bleibt. Weil die Halle sehr hoch ist und der Einbau einer Fußbodenheizung unmöglich war,
wurden Deckenstrahlplatten, also extrem große Heizkörper, in sieben Metern Höhe unterm Dach angebaut. Die Kosten: Weitere 35 000 Euro. Das war nötig, weil die Fernwärme nur eine Vorlauftemperatur von 70 Grad hat. Um die riesige Halle zu heizen, müssen die Heizkörper die Wärme weit abstrahlen können. Damit nicht genug: Hinzu kommen jährlich wieder rund 10 000 Euro für die Leitung. Guido Gerlach, Vertriebsleiter bei den Stadtwerken, hat eine Menge Argumente dafür parat, warum der Anschlusszwang für die Stadt trotzdem gut ist. „Zum einen gilt unsere Energieerzeugung in Blockheizkraftwerken als eine der CO2-ärmsten und mit dem geringsten
Energieverlust“, erklärt er. Der billigste Strom kommt aktuell aus Kohlekraftwerken, die billigste Wärme aus Heizölkesseln. Doch Übertragungsverluste liegen laut Gerlach bei 70 Prozent. Beim Blockheizkraftwerk, den sogenannten Kraft-Wärmekopplungen, beträgt sie nur 13 Prozent. Aus diesem Grund hat die Neuruppiner Politik schon in den 1990ern auf diese Form der Energiegewinnung gesetzt. „Eine Stadt wie Neuruppin lässt sich heute schon sehr gut dezentral versorgen“, so Gerlach. Die Energiepreise legen die Stadtwerke auch nicht einfach selbst fest. Sie
sind an den Börsenpreis gekoppelt und gesetzlich vorgeschrieben. „Und sollten eines Tages Öl und Gas aufgebraucht sein, neue Brennstoffzellen erfunden
werden oder Geothermie verfügbar sein, ließe sich die Wärme weiter über unsere Kraftwerke verteilen.“ Der erwähnte Fernwärmepreis liege im Brandenburger im Durchschnitt. Gerlach hat Unterlagen, die das belegen. Der Preis setzt sich zusammen aus einem Grundpreis für fixe Kosten, Wartung
und Mitarbeitergehälter sowie einem Arbeitspreis ebenfalls pro Kilowattstunde. Dank dieser Leistung und der Tatsache, dass die Wärmestationen in der
Hand der Stadtwerke bleiben, müssen sich Unternehmen nicht mehr kümmern. Wartung und Erneuerung sind inklusive. Das Wort Monopol erträgt Gerlach sogar. „Wenn wir, sagen wir zu 60 Prozent in der Hand eines Riesen
wie RWE wären, könnte ich solche Kritik verstehen. Aber da wir eine Tochter der Stadt sind, bleiben die Einnahmen zu 100 Prozent hier.“ Viel Protest gegen
den Zwangsanschluss gab es tatsächlich nicht. Der Stadt Neuruppin liegen seit Einführung am 10. Mai 2012 nur acht Anträge auf Befreiung vor. „Nur zwei
sind von Gewerbebetrieben“, so Stadtsprecherin Michaela Ott. „Jeder Betrieb hat unterschiedliche Bedingungen. Wir versuchen immer, unseren Unternehmen irgendwie entgegen zu kommen“, so Vertriebsleiter Gerlach. Beide Firmen bestätigen dies. Der Grund, warum ASL schließlich auch zustimmte, war: Wer seine Heizungsanlage umrüstet, muss dies außerdem auch nach dem Erneuerbare Energiewärmegesetz (EEWärmeG) tun. Auch dafür gibt es Anforderungen, die ins Geld gehen. „Mit einem
Fernwärmeanschluss ist das EEWärmeG automatisch eingehalten“, so Gerlach.