Neuruppin (dd) Peinlich. So bezeichneten sowohl Gegner als auch Befürworter der Sonntagsöffnungszeiten die Debatte um die vier Tage, an denen die
Händler der Fontanestadt nun doch ihre Geschäfte öffnen dürfen. „Wir mussten uns als Provinzler beschimpfen lassen, haben in neun Sitzungen darüber diskutiert“, so der Stadtverordnete Helmut Kolar (Kreisbauernverband). „Wir können noch einmal abstimmen, aber wir sollten
nicht noch einmal darüber reden.“ Sein Vorschlag wurde abgelehnt, es gab noch so einiges zu sagen. „Die Debatte hat Neuruppin einen ziemlichen Imageverlust beschert“, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian
Steineke. „Das hat man mitbekommen, wenn man viel in Brandenburg unterwegs war.“ Die Neuruppiner Stadtverordneten hatten mit knapper Mehrheit die sechs theoretischen Sonntage, die das Land Brandenburg
erlaubt, komplett abgeschmettert. Das hatte zu Protesten von Händlern, aber auch des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg geführt. Der Stadtverordnete der Grünen, Otto Wynen, verteidigte das ablehnende Votum erneut:
„Stadtverordnete sind nicht an Aufträge gebunden, wenn Interessengruppen
Druck ausüben. Hier wird meiner Ansicht nach das demokratische Grundverständnis unterwandert.“ Dem widersprach Nico Ruhle (SPD): „Wir sitzen und entscheiden hier nicht für uns selbst, auch nicht für unsere Angehörigen. Wir sollten uns stattdessen fragen, was getan werden kann,
dass der Wohlstand der Region gemehrt wird. Wir wollen die Gewerbesteuer
erhöhen. Und gleichzeitig wollen wir die Kuh, die wir mehr melken wollen, stärker limitieren?“ Ruhle beantragte eine namentliche Abstimmung (siehe Kasten), damit jeder Stadtverordnete auch zu seiner Entscheidung stehen
müsse.
Am Adventssonntag sei vor allem das Ruppiner Einkaufszentrum (Reiz) brechend voll gewesen, so der Stadtverordnete Andreas Dziamski (Pro
Ruppin). Er arbeitet allerdings beim Stadtmarketing. Heftig kritisiert hatte zudem Einzelhändler Carlo Focke vom Modehaus Bruns die Stadtverordneten in einem der vorangegangenen Ausschüsse. Er entschuldigte sich weder dafür, noch nahm er die Kritik zurück. „Sie müssen auch uns Händler verstehen,
wenn man uns unserer Rechte beraubt.“ Die sechs Sonntage, die das Land Brandenburg theoretisch erlaubt, könnten nicht einfach so von den Stadtverordneten abgelehnt werden, fand er. Das ist zwar so nicht ganz
richtig: Der Kommune war es durchaus selbst überlassen. Dennoch wäre ihr womöglich Geld entgangen. Die Einzelhändlervereinigung „Wir die
Innenstadt“ und die Werbegemeinschaft des Ruppiner Einkaufszentrums (Reiz) hatten es auf einem Info-Blatt noch einmal vorgerechnet. Darin hieß es: An nur einem geöffneten Sonntag würden etwa 250 000 bis 300 000 Euro Umsatz gemacht. Zudem erhielten Angestellte im Einzelhandel für fünf Stunden Arbeit bei 8,50 Euro Mindestlohn und 100 Prozent Sonntagszuschlägen zehn berechnete Arbeitsstunden bezahlt. Öffnen nur 15 Geschäfte in der Stadt, entstünde an diesem Sonntag ein Kaufkraftzuwachs von 2 500 Euro. Allein im Reiz mit den großen Märkten kämen 25 000 Euro an Gehältern zusammen. Alles Geld, das Neuruppinern nun 2015 zu Gute kommt.