Neuruppin – Er war dabei, als der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 den historischen Satz sagte: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass
heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden
ist.“ Joachim Jauer war zu diesem Zeitpunkt ZDF-Korrespondent für Mittel- und Ost-Europa und hielt den Gänsehaut-Moment für die Ewigkeit fest. Am Mittwochabend berichtete der heute 74-Jährige über seine Erlebnisse
während des Umbruchs in den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten und gab einen Blick frei hinter die Kulissen des Eisernen Vorhangs. Gut 60 Zuhörer waren in die Neuruppiner Siechenhauskapelle gekommen und lauschten gespannt den Erinnerungen des gebürtigen Berliners, der im Französischen Viertel nahe der späteren Mauer aufwuchs. Mit Jauers vermutlich folgenreichstem Kommentar eröffnete Sebastian Steineke
(CDU) die von der Konrad-Adenauer- Stiftung organisierte Veranstaltung.
Nach seinen Reportagen über die Revolution in Ungarn berichtete Jauer am 2. Mai 1989 als einziger westdeutscher Fernsehkorrespondent von der Öffnung des Eisernen Vorhangs, dem Abbau der ungarisch-österreichischen Grenzanlagen durch ungarische Grenztruppen und kommentierte: „Heute endet hier an dieser Stelle die 40-jährige Teilung
Europas in Ost und West. Dies wird unabsehbare Folgen haben – für Europa, für die Deutschen in der Bundesrepublik und insbesondere in der DDR.“ Damals ging der Satz unter. Es folgten kaum Reaktionen aus dem Westen. Auch die DDR-Führung spielte die Situation in Ungarn herunter. „Honecker ließ über seinen Verteidigungsminister zwar bei den Genossen nachfragen“, berichtete Jauer. Aber die SED tat es als „grenzkosmetische Maßnahmen“ ab. Doch Jauer sollte Recht behalten. In den folgenden Wochen nach dem 2. Mai kamen immer mehr junge Rucksack-Touristen
aus der DDR nach Budapest, um eine Chance zur Ausreise in den Westen abzupassen – es war gewissermaßen die Initialzündung für die gesamte weitere Entwicklung. Die laut Jauer angesichts des Dramas an der Prager
Botschaft in Vergessenheit geraten ist.
Der Startschuss für den Fall des Eisernen Vorhangs sieht Jauer aber nicht nur in den Ereignissen vom 2. Mai 1989. Er verwies auf 1978. In diesem Jahr wurde mit Karol Józef Wojtyla erstmals ein polnischer Papst gewählt. Als dieser bei seiner Amtseinführung auch noch davon sprach, man solle die Grenzen der Staaten öffnen, klingelten laut Jauer in Warschau und in Moskau die Alarmglocken. „Während der Papst bei seiner Pilgerreise 1979 durch Polen, gefolgt von zehn Millionen Menschen, prägte er den Begriff ’Solidarnosc’, wonach sich wenig später auch die gleichnamige erste unabhängige Gewerkschaft benannte“, erzählte Joachim Jauer und resümierte: „Zum ersten Mal haben die Polen damals gemerkt, dass sie anders denken als die Partei. Und dass sie viele sind.“ Der Grundstein für die Beendigung des Sozialismus in Polen ein paar Jahre später war gelegt.
Der nächste verändernde Schritt kam laut Jauer mit Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der im März 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees
der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) wurde. Er prägte die Schlagworte „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“ (Offenheit) und leitete damit ein Umdenken in der Bevölkerung ein. „Gorbatschow schaffte damit nicht den Sozialismus ab“, erklärte Jauer. „Aber er geht als jemand in die Geschichte ein, der die russischen Menschen befähigte, über ihre
schreckliche Vergangenheit reden und weinen zu dürfen.“ Denn bis dato wurde über die Verbrechen während der Stalin-Diktatur, die jede russische Familie betraf, geschwiegen. Entscheidend, aber von vielen unbemerkt war für die späteren Ereignisse in Prag, Leipzig und Berlin laut Joachim Lauer auch das Engagement einer bestimmten Frau: Csilla Külly Freifrau von Boeselager. Im Sommer 1989 organisierte die Gründerin des ungarischen
Malteser-Caritas-Dienstes spontan die Unterbringung von über 30 000 DDR-Flüchtlingen in Budapest und Prag. Dank der unermüdlichen
Sammlung von Spendengütern gelang es von Boeselager zu Spitzenzeiten, täglich einen Lkw nach Osteuropa zu senden. Im aktuellen Gedenken zu
25 Jahre Mauerfall findet sich kein Wort über die engagierte Frau. Eine Schande, wie Jauer fand.„Es ist wichtig, die Zusammenhänge der damaligen Flüchtlingsbewegung in Erinnerung zu behalten“, appellierte der Autor am Mittwochabend. „Die friedliche Revolution der mutigen Menschen
in der DDR wird nicht gemindert, wenn man sagt, dass da noch andere waren, die die Vitaminspritze dazu gaben.“ Vor allem sein Schlusssatz sorgte für viel Beifall beim Publikum. „Ich fände es gut, wenn das vereinte Deutschland 25 Jahre Mauerfall zum Anlass nimmt, an die damalige Flüchtlingsbewegung zu denken, und sich erinnert, mit welcher Hingabe
Polen und Ungarn die Flüchtlinge aufgenommen haben. Vor allem in Hinblick an die heutige Flüchtlingsdebatte.“