Sebastian Steineke.   Ihr Bundestagsabgeordneter für Nordwest-Brandenburg
25.09.2017, 16:44 Uhr | Ruppiner Anzeiger 25.9.2017

Zwischen Angst und Selbstkritik
Sebastian Steineke verteidigt CDU-Mandat / AfD drittstärkste Kraft in der Region / Ziegler hadert mit SPD-Abschneiden

Ostprignitz-Ruppin (rue/dst/zig) Sechsmal schlägt die Uhr des Alten
Gymnasiums in Neuruppin, als bundesweit die Wahllokale schließen. Gefühlt schaut das ganze Land auf die ersten Hochrechnungen. Nur nicht im türkischen Imbiss an der Karl-Marx-Straße. Dort flimmert Fußball über die Mattscheibe. Hier zählen Tore statt Prozente. Gemischte Gefühle dominieren
stattdessen im „Alten Kasino“ am Neuruppiner Bollwerk. Dort hält die CDU ihre Wahlparty ab und muss Verluste verdauen, die stärker ausfallen als erwartet. Als Stimmungsaufheller wirkt hingegen Direktkandidat Sebastian
Steineke. Nur knapp eine Stunde nach Beginn der Auszählung liegt er im Wahlkreis 56 nahezu uneinholbar vorn. Holte er vor vier Jahren noch überraschend das Direktmandat, scheint er es nun souverän verteidigen zu können. Dennoch legt auch Steineke seine Stirn in Falten. Die AfD wird drittstärkste Kraft – nur knapp hinter der SPD. Den Genossen, mit denen er zuletzt gemeinsam Regierungsverantwortung trug, bescheinigt er eine
„unglückliche Performance“ im Wahlkampf-Endspurt. Nicht zuletz das habe die AfD so stark gemacht. Aber auch die Union müsse sich mit Blick auf ihr Ergebnis an die eigene Nase fassen, so Steineke. „Die Leute hatten einfach einen dicken Hals“, sagt er zum starken Abschneiden der Rechtspopulisten – nicht nur wegen des inzwischen abgeebbten Zustroms von Flüchtlingen. Auch Themen wie Bildung und Infrastruktur seien Frust-Faktoren. Dem müsse sich die Bundespolitik nun zuwenden. Zur sich abzeichnenden Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen äußert sich Steineke am Wahlabend noch zurückhaltend. Dass die SPD schon frühzeitig den Gang in die Opposition
verkündet hat, empfindet er als problematisch. Wer antritt, um Verantwortung zu übernehmen, müsse sie auch in schweren Zeiten tragen. Dass Grüne
und Liberale sich einem Regierungsbündnis entziehen, hält er eher für unwahrscheinlich. „Wer sagt, er macht es nicht, würde bei einer dann nötigen Neuwahl sicherlich abgestraft.“
Abschließend bewerten möchte SPD-Direktkandidatin Dagmar Ziegler das Ergebnis am Sonntagabend noch nicht. Deutlich wird sie aber beim Thema AfD. „Deren Fremdenfeindlichkeit und Rassismus macht mir echt Angst“, so Ziegler. Diese Entwicklung und die „offene Menschenfeindlichkeit“ der Rechtspopulisten dürfe auf keinen Fall unterschätzt werden. Woran das historisch schlechte Abschneiden der SPD liegt, ist der früheren Finanz- und Gesundheitsministerin Brandenburgs rätselhaft. Denn nach vier Jahren auf der Oppositionsbank habe die SPD als Juniorpartner der Union quasi alle Erfolge der vergangenen Legislaturperiode initiiert. Die Einführung des
Mindestlohns sowie die Verbesserungen für Alleinerziehende und Rentner seien alles sozialdemokratische Themen gewesen. „Wir haben eine hervorragende Regierungsarbeit geleistet“, betont Ziegler, die wohl auch für
eine Fortsetzung der Großen Koalition zu haben gewesen wäre: „Ich gestalte lieber als zu opponieren.“ Auch bei den Linken herrscht bedrückte Stimmung. „Es ist ein bitteres Ergebnis, hinter der AfD gelandet zu sein. Es zeigt, wie
schwer es ist, wenn man als einzige Partei für eine friedliche, tolerante,
humanitäre Gesellschaft kämpft. Am Ende haben wir aber alle verloren“, sagt Kirsten Tackmann. „Die Abwahl hat bei der Bundesregierung stattgefunden.
Wenn es keine demokratische und friedliche Alternative gibt, wählen die Leute eben eine andere Alternative. Nun ist es wichtig, dazu beizutragen, dass man
das Gedankengut, das hinter der AfD steht, wieder aus Köpfen heraus kriegt – mit mehr Demokratie, mehr sozialer Gerechtigkeit und einer friedlichen Rolle
Deutschlands. Wir dürfen nicht Arme gegen noch Ärmere ausspielen.“ AfD-Direktkandidat Michael Nehls ist am Wahlabend im Café Tasca der Evangelischen Schule Neuruppin zu Gast. Als klar ist, dass die AfD in den Bundestag einziehen wird, lässt sich in seinem Gesicht keine Reaktion ablesen. Bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen für den Wahlkreis ist er nicht mehr anwesend und kann sich daher nicht dazu äußern. Auf dem Podium spricht er sich aber dafür aus, junge Leute für die Politik zu begeistern. „Genau die Probleme, die ihr habt, sind die, die wir angreifen
wollen“, sagt Nehls zum überwiegend jungen Publikum. Die AfD bezeichnet er als „Internet-Partei“. Nachdenklich zeigt sich am Sonntagabend auch Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin). „Eigentlich haben
alle demokratischen Parteien verloren“, befindet er mit Blick auf das starke Abschneiden der AfD. In den kommenden Jahren sei es Aufgabe der etablierten Parteien, die Wähler der Rechtspopulisten „abzuholen“, ohne aber die gleichen Parolen aufzurufen.