Tag der Einheit - Ein Grund zur Freude für Deutschland

Festrede bei der CDU Lenzen am Fähranleger

Jürgen von Freymann, Superintendent Oliver Günther, Gordon Hoffmann MdL und Sebastian Steineke MdB
Jürgen von Freymann, Superintendent Oliver Günther, Gordon Hoffmann MdL und Sebastian Steineke MdB
Sebastian Steineke MdB hat bei der Veranstaltung am Fähranleger über den Wert der Einheit und das Jubiläum des Mauerfalls gesprochen. Die Rede können Sie hier lesen:

Lieber Herr Bürgermeister Steinkopf, lieber Gordon Hoffmann, liebe Bürgerinnen und Bürger!

„Für mich ist dieser Augenblick einer der glücklichsten in meinem Leben.“ Mit diesem Satz hat uns der damalige Bundeskanzler, der Kanzler der Einheit, Dr. Helmut Kohl, im Jahre 1989 wahrlich aus der Seele gesprochen. Seit über 20 Jahren veranstaltet die CDU in Lenzen dieses wunderbare Fest zur Feier der Ereignisse in den Jahren 1989/1990. Ich freue mich, dass ich heute hier bei Ihnen in Lenzen sein darf, um mit Ihnen gemeinsam 25 Jahre nach dem Mauerfall den Tag der Deutschen Einheit zu würdigen. Vielen Dank für die Einladung!


Das Jahr 1989 war nicht nur für unsere Region, sondern für alle Deutschen und auch viele Menschen auf der ganzen Welt wahrlich ein Anlass zur Freude und Ausdruck einer friedlichen Revolution, wie sie heutzutage kaum noch denkbar erscheint. Knapp 40 Jahre nach Gründung der Deutschen Demokratischen Republik wurden die Grenzen zwischen beiden Staaten endlich geöffnet. Über Jahrzehnte wurden die Mitbürger ein und desselben Volkes zwangsweise und gewaltsam voneinander getrennt. Familien wurden zerstört. Die Rückkehr in ihre Heimat war vielen über einen bedeutenden Zeitraum ihres gesamten Lebens nicht möglich. Und dies, weil höhere Mächte der Meinung waren, ihre zum Teil irrsinnigen politischen Konflikte auf dem Rücken eines ganzen Volkes auszutragen. Sicherlich standen wir nach dem Zweiten Weltkrieg in einer ganz besonders schweren Schuld. Trotzdem hat man zumindest einem Teil unserer Nation die schnelle Erholung und Wiedergutmachung in Demut und Verantwortung zu dem, was Deutsche vorher in der Welt angerichtet haben, verwehrt. Der eine Teil unserer Republik hatte durch die Hilfe unserer amerikanischen Freunde das Glück, schnell wieder zu sich finden, Wohlstand aufzubauen und Deutschland wieder ein Gesicht in der Weltgemeinschaft zu geben. Im anderen Teil blieb den Bürgerinnen und Bürgern diese Möglichkeit über Jahrzehnte verwehrt. Durch schlimme Restriktionen waren die Mitmenschen in der DDR gezwungen, sich der sozialistischen Ideologie zu unterwerfen und nach ihrem Gusto zu leben. Taten sie es nicht, mussten sie um Leib, Leben und um ihre Familien fürchten. Meine Damen und Herren, so etwas darf bei uns NIE, NIE wieder passieren.

Auch Lenzen hat eine intensive DDR-Geschichte hinter sich. Direkt hier an der Elbe verlief der ehemalige Grenzstreifen, der die eingesperrten DDR-Bürger von ihren in Freiheit lebenden westdeutschen Mitbürgern 40 Jahre lang trennte. Der Deich stellte für die DDR-Bürger ein sogenanntes verbotenes Gelände dar. Mit der Grenzziehung und dem Mauerbau 1961 wurden viele Einwohnerinnen und Einwohner Lenzens zwangsausgesiedelt. Den übrigen Bewohnern wurden regelmäßig Vermerke in ihre Ausweise geschrieben, damit sie überhaupt die Berechtigung hatten, sich hier aufzu-halten. Ortsfremde konnten nicht ohne weiteres die Ortsgrenze nach Lenzen passieren. Sie benötigten für das Passieren der durch Schlagbäume gesperrten Zugangsstraßen eine gesonderte vorherige Genehmigung. In der Regel hatten auch nur enge Verwandte eine Chance, hierher zu kommen. Die Lenzener spürten die Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit somit am eigenen Leib und oftmals noch viel mehr als andere Menschen im Landesinneren der DDR. Nur ein paar Meter weiter lebten Bürgerinnen und Bürger des gleichen Volkes mit derselben Historie, der gleichen Sprache und den gleichen Wünschen und Träumen in einer schier anderen Welt, in einer FREIEN Welt. Getrennt nur durch hohe Zäune, Stacheldraht und Grenzbeamten, die womöglich nicht lange gezögert hätten, die Schusswaffe zu gebrauchen, wenn je-mand versucht hätte, auf die andere Seite seines Heimatlandes zu gelangen. Heute gerade für unsere Kinder unvorstellbar, war dies damals die nackte Realität. In diesem Zusammenhang sollten wir auch den Menschen gedenken, die lediglich ihre Freiheit suchten, dafür aber an der innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen mussten. Für uns ist es heute unbeschreiblich, dass man um sein Leben fürchten muss, nur weil man seine Verwandten, Bekannten oder Freunde, die jenseits der eigenen Staatsgrenze wohnen, besuchen möchte. Es ist heute undenkbar, dass man um sein Leben fürchten muss, nur weil man sein persönliches Recht und seinen persönlichen und vor allem menschlich natürlichen Drang nach Freiheit nachkommen möchte. Für mich ist es bis heute unfassbar, dass diese Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten, dafür dass sie nichts anderes wollten als ein frei bestimmtes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Dafür gebührt ihnen unser aller Gedenken.

1989 kam dann alles anders als wir uns das jemals in unseren Träumen hätten ausmalen können. Bilder der Freude und des Glücks zierten das Alltagsbild, als die Grenzen für alle geöffnet wurden. Eine durch Gewalt getrennte Nation war wieder vereint. Die Bilder haben uns gezeigt, dass weder die DDR-Bürger noch ihre Mitbürger im Westen unseres Landes gewillt waren, den Zustand der Trennung auch nach 40 Jahren einfach so hinzunehmen. Was am meisten beeindruckte war die Tatsache, dass zum ersten Mal in der deutschen Geschichte friedliche Demonstrationen und gewaltfreie Meinungsäußerungen der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger der ausschlaggebende Punkt für dieses wunderbare Ereignis waren. Die Friedliche Revolution und die deutsche Vereinigung wären ohne den Mut und die Opfer, die andere erbracht haben, nicht möglich gewesen. Natürlich gab es Ängste und Widerstände. Vor allem im Ausland fragten sich viele, ob das gutgeht, wenn es Deutschland wieder gutgeht. Wer wollte ihnen das verdenken, nach den von Deutschland ausgehenden Irrwegen, Schrecken und Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch wir haben allen gezeigt, dass wir ein weltoffenes Volk sind. Das wir bereit sind, Verantwortung in der Welt zu übernehmen und wieder eine wichtige Rolle zu spielen. Wir genießen Respekt und Anerkennung. Die Menschen kommen gerne nach Deutschland, weil es hier schön ist und wir die Menschen hier gerne willkommen heißen. Dies ist auch ein Verdienst von Angela Merkel und allen anderen Nachwendepolitikern, die an dem Prozess der Deutschen Einheit aktiv und entscheidend mitgewirkt haben. Nicht zuletzt ist es aber der Verdienst der Menschen in unserem Land.

Auch in Lenzen öffneten sich 1989 die Schlagbäume. Die Restriktionen wurden aufgehoben. Die Fährschiffverbindung nach Pevestorf in Niedersachsen über die Elbe wurde wieder aufgenommen. Nach anfänglicher Zugehörigkeit zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern entschieden die Bürgerinnen und Bürger 1991 per Volksent-scheid, dass Lenzen ab 1. August 1992 wieder zum Land Brandenburg zurückkommt. Ich freue mich, dass Lenzen heute zu meinem Wahlkreis gehört und ich heute daher bei Ihnen sein darf.

Meine Damen und Herren, ich möchte heute auch einem Mann danken, der wie kein anderer in unserer Partei für die Deutsche Einheit steht: Helmut Kohl. Seit Beginn seiner Kanzlerschaft im Jahre 1982 hatte Helmut Kohl ein erklärtes Ziel – die Wiedervereinigung. Helmut Kohl hatte nie einen Zweifel daran, dass dies gelingen kann. Und er hatte Recht. Trotz aller Bedenken und Widerstände, insbesondere aus dem Lager der Sozialdemokraten, hat sich Helmut Kohl durchgesetzt und sein Ziel nie aus den Augen verloren. Weder Oskar Lafontaine, der die Einheit offenkundig verhindern wollte, noch Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der den Ostdeutschen damals zurief, sich erstmal „hinten anstellen zu müssen“, waren sich darüber im Klaren, was die Deutsche Einheit für die Bürgerinnen und Bürger, insbesondere im Osten Deutschlands, bedeutete. Helmut Kohl war es, der als erster Politiker schon im Dezember 1989 in Dresden die Einheit der Nation als Ziel nannte und zielstrebig und wider allen Bedenken mit den Alliierten und der Sowjetunion verhandelte und die Einheit somit auf den Weg brachte. Dafür möchte ich Helmut Kohl ausdrücklich danken. Ohne ihn stünden wir heute nicht hier.
Schon als Wegbereiter haben aber auch Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt das nötige Vertrauen in der Welt geschaffen. Ohne dieses Vertrauen hätte es die Wiedervereinigung so nicht gegeben. Das waren große Leistungen von Politik und Diplomatie in den vergangenen Jahrzehnten. Die Wiedervereinigung wäre so auch nicht möglich gewesen ohne unsere Freunde im transatlantischen Bündnis, die über vierzig Jahre hinweg die Freiheit der Bundesrepublik und West-Berlins garantiert hatten. Gerade in Zeiten wo man vielleicht mit seinen Freunden hadert, ist es immer wieder wichtig die bedingungslose Unterstützung der Einigung durch die USA und US-Präsident George Bush sen. nicht zu vergessen. Für all das sind wir unendlich dankbar.

Mit den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 hatten die Bürgerinnen und Bürger der DDR zum ersten Mal „die Wahl“. Zum ersten Mal gab es in der DDR aktive Mitbestimmungsrechte für alle Menschen unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung. Sie durften frei von jeglichen Zwängen ihre Volkvertreter, die für ihre Region in das erste frei gewählte Parlament der DDR einziehen, bestimmen. In meinem heutigen Wahlkreis, der Prignitz und dem Ruppiner Land, waren dies u.a. Dieter Helm aus Bückwitz, Rosemarie Priebus aus Wittstock, Anne-Karin Glase aus Wustrau oder der leider im letzten Jahr verstorbene Pfarrer Karl-Ernst Selke aus Wusterhausen. Viele von ihnen waren lange nach der Wende noch politisch für unsere Region aktiv. Einige sind es sogar heute noch. Pfarrer Selke und Rosemarie Priebus vertraten unseren Wahlkreis im ersten gesamtdeutschen Bundestag. Diese erste frei gewählte Volkskammer leistete die Vorarbeit zu einem geordneten Übergang und vor allem zum freiwilligen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Sie legten damit die Grundlage für unser heutiges Miteinander und freies Zusammenleben. Wir erinnern uns an die Monate, in denen Vertreter von Volkskammer und Bundestag um die vielen kleinen Schritte zur deutschen Einheit rangen. Es war eine beispiellose Leistung von Politik und Verwaltungen in beiden Teilen Deutschlands, was hier bis zum 3. Oktober 1990 vollbracht wurde. Am 23. August 1990 beschloss die Volkskammer in ihrer historischen Sitzung den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Daher gilt auch unseren Abgeordneten der ersten frei gewählten Volkskammer unser herzlicher Dank!

25 Jahre nach dem Fall der Mauer stehen wir vor der großen Aufgabe, neuen Mut zur Veränderung zu finden, neuen Zusammenhalt zu ermöglichen in einer sich rasant verändernden Welt. Denn in dieser Welt ist das Versprechen alter Gewissheiten natürlich populär, aber häufig trügerisch. Unser Land ist offener geworden, der Welt zugewandter, vielfältiger - und unterschiedlicher. Alltag und Lebensentwürfe haben sich gewandelt. Die Gründe sind bekannt: weltweiter Wettbewerb, globale Handelswege, neue Technologien, grenzenlose Kommunikation, Zuzug von Einwanderern, demographischer Wandel und - ja, auch das, neue (vor allem terroristische) Bedrohungen von außen. Die Lebenswelten in unserem Land driften eher auseinander: die von Alten und Jungen; von Spitzenverdienern und denen, die vom Existenzminimum leben; von Menschen mit und ohne sicherem Arbeitsverhältnis; von Volk und Volksvertretern; von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensbekenntnisse. Auch regionale Un-terschiede wird es in Deutschland immer geben. Dies betrifft aber nicht nur das Verhältnis Ost und West, sondern beispielsweise auch Nord und Süd. Trotzdem haben wir sehr viel erreicht. Die Wirtschaftskraft im Osten ist deutlich gestiegen. Die Infrastruktur wurde erneuert. Viele Städte und Gemeinden konnten vor weiterem Verfall gerettet werden. Wenn wir heute durch die Prignitz und das Ruppiner Land fahren, können wir jeden Tag erleben, wie schön es bei uns ist. Gemeinsam konnten wir viel bewegen – dank der Tatkraft der Ostdeutschen, aber auch dank der gesamtdeutschen Solidarität.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir zum Abschluss noch einige Worte zu den Kolleginnen und Kollegen der Linkspartei. Jede Partei oder sonstige Gruppierung, die hinter unserer Verfassung steht, unsere demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätze wahrt und verteidigt und sich an die gesellschaftlich anerkannten Regeln hält, verdient unseren Respekt und unsere Anerkennung. Leider kann ich bis heute nicht feststellen, dass die LINKE ihr Verhältnis zu ihrer Vorgänger-Partei, der SED, sowie zur DDR als Unrechtsstaat zur Zufriedenheit der Menschen in unserem Land geklärt hat. Da zeigt sich gerade wieder an Äußerungen von führenden Vertretern. Immer noch hält sie ihre Hand schützend über Gruppierungen, die Opfer des SED-Regimes verhöhnen. Und noch immer weigert sich die Linkspartei, sich in aller Deutlichkeit vom Unrecht in der DDR zu distanzieren geschweige denn, die DDR als „Unrechtsstaat“ zu bezeichnen. Das ist traurig, enttäuschend und kann von uns nicht ein-fach so hingenommen werden. Unabhängig von allen politischen Meinungsverschiedenheiten in der Sache disqualifiziert sie sich somit als SED-Fortsetzungspartei für eine mögliche Zusammenarbeit auf allen Ebenen zugunsten der Menschen in unserem Land. Die aktuelle Koalitionsdiskussion der Linken in Thüringen und die damit verbundene Ablehnung der Parteibasis, die DDR als Unrechtsstaat zu deklarieren, untermalt diese Auffassung mehr denn je. Die CDU wird weiterhin alles dafür tun, dass DDR-Unrecht in aller Form aufgearbeitet wird. Das sind wir den Opfern des SED-Regimes schuldig.

Meine Damen und Herren, wir leben heute in einem freien, demokratischen und wiedervereinten Deutschland. Sicherlich haben auch wir hier viele Probleme zu bewältigen und auch bei uns wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Auf dem Weg der inneren Vereinigung und bei der Angleichung der Lebensverhältnisse sind wir ein gro-ßes Stück vorangekommen. Dieser Prozess war anstrengend. Aber eines können wir doch mit aller Freude und Stolz feststellen. Wir haben es geschafft, ein Volk in Frieden und Freiheit zu vereinen und zusammen zu bringen, was zusammen gehört. Das ist letztlich ein Verdienst der Menschen in unserem Land und dafür danke ich auch allen Lenzenern, die 1989 friedlich auf die Straße gegangen sind und für ihre Freiheit gekämpft haben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim weiteren Programm und einen schönen Tag hier in Lenzen.

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